In Presse und Fernsehen

SWR - Zur Sache Baden-Württemberg: Was sind uns unsere Kinder wert?

Sendung vom 02.02.2023

Teckbote Kirchheim, 10.07.2015

Ohmdens Schüler proben für Weltpremiere

In der Grundschule in Ohmden wird fleißig geprobt: Die Kinder üben Max und Moritz ein, eine Kantate, die Bertram Schattel, Chorleiter der Musikschule Kirchheim, selbst komponiert hat. Die Aufführung findet am 17. Juli im Steingauzentrum statt.

Judith Reischl
Immer üben und das auch noch mit viel Spaß: Die Schüler und Bertram Schattel freuen sich auf die Premiere.Foto: Judith Reischl
Immer üben und das auch noch mit viel Spaß: Die Schüler und Bertram Schattel freuen sich auf die Premiere.Foto: Judith Reischl

Ohmden. „Ach, was muß man oft von bösen Kindern hören oder lesen!“ So beginnt die Geschichte von Max und Moritz, geschrieben und gezeichnet von Wilhelm Busch. 150  Jahre ist es her, seit das Buch zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Die Geschichte der beiden ist eines der meistverkauften Kinderbücher aller Zeiten. Bis heute wurde es in 300 Sprachen und Dialekte übertragen Und die Geschichte selbst ist aktueller denn je.

Und genauso wie das Buch beginnt, schmettern die Kinder der Grundschule Ohmden los, wenn Bertram Schattel die Chorprobe leitet. Mit blitzenden Augen und voller Freude sind die Grundschüler dabei, sich auf die Aufführung vorzubereiten. Seit Monaten wird geprobt, nun sitzen Text – übrigens der komplette Text, ungekürzt – und Melodie. Jetzt wird gefeilt: An der Aussprache, besonders schwierige Stellen werden geübt, bestimmte Bewegungen zur Veranschaulichung einstudiert.

Doch immer üben, die Kinder wollen das ganze Stück von Anfang an singen. Bertram Schattel schwimmt mit, nutzt die Freude und den Elan der Kinder, nun wird mit dem ersten Streich beginnend gesungen. Am Ende der Chorprobe sind alle erledigt – die Kinder stürmen in die große Pause. Fast eine dreiviertel Stunde haben sie konzentriert gearbeitet, gesungen, geprobt. Sind da gestanden ohne zu zappeln, voller Aufmerksamkeit. „Das ist eine große Leistung für die Erst- bis Viertklässler“, betont Chorleiter Schattel. Die ganze Schule singt, das ist in Ohmden schon Tradition. „Und alle Kinder sind dabei“, darauf ist Bertram Schattel, der in Kooperation mit der Grundschule als Chorleiter die Kinder betreut, besonders stolz. Jedes Jahr gibt es ein Sing-Projekt, und jedes Jahr ist das Ergebnis beeindruckend, der Chorgesang von hoher Qualität.

„Die „Weltpremiere“ der Schattel-Kantate braucht auch ihren Rahmen, also fertigen die Kinder in einer Projektwoche das „Drumherum“, erklärt Schulleiterin Gabriele Seitz. Eine Kantate – im Unterschied zu einem Musical – konzentriert sich auf das Gesungene, die Musik und der Chor stehen im Vordergrund. „Und so sollen bei der Aufführung Sequenzen zu den einzelnen Streichen an die Wand projeziert werden“, erklärt die Schulleiterin. Sechs Schülergruppen haben sich je einen Streich vorgenommen und zeigen ihn auf verschiedene Weise. Die eine Gruppe arbeitet mit Schattenbildern, es werden Marionetten gefertigt, ein Comic wird gezeichnet, denn „Wilhelm Busch ist mit seinen Bildergeschichten ja der Urvater des Comics“, erklärt Gabriele Seitz. Zudem gibt es eine Fotostory, „dass der Schneider Böck dabei zu einem Mode-Designer mutiert, war die Idee der Kinder“, schmunzelt Seitz. Dann gibt es noch ein Stabfigurentheater mit selbst gemachten Figuren und selbst genähten Kleidern und auch eine Trickfilmsequenz produzieren die Kinder.

Auch inhaltlich wird die Geschichte aufgearbeitet. „Vielleicht kommt sie uns Erwachsenen – wie auch manches Märchen – unzeitgemäß oder auch brutal vor, doch die Kinder können sehr wohl zwischen Wirklichkeit und Erzählungen unterscheiden“, sagt Gabriele Seitz. „Und es gehört zur Allgemeinbildung, das Kulturgut Max und Moritz zu kennen“.

Manche Zeile aus dem Werk ist doch inzwischen zu geflügelten Worten geworden: „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!“, und „Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich“. Für die Grundschüler war es eine Herausforderung, den Originaltext zu bewältigen, wird das Werk doch auswendig gesungen. Doch die Kinder haben‘s mit Bravour gemeistert.

Teckbote Kirchheim, 12.06.2015

Man muss es aushalten können, dass Kinder unterschiedlich ticken“Nachgefragt

Seit sieben Jahren leitet ­Gabriele Seitz die Grundschule in Ohmden. Nach und nach hat sie ein neues pädagogisches Konzept eingeführt, das landesweit Beachtung findet. Mit dem Teckboten hat die 45-Jährige über individuelles Lernen, Noten, Sitzenbleiben und ­Bildungspläne gesprochen.

Bianca Lütz-Holoch
Gabriele Seitz
Gabriele Seitz

Sie gelten als Koryphäe auf dem Gebiet des individuellen Lernens. Wie ist es dazu gekommen?

GABRIELE SEITZ: Ich arbeite jetzt schon seit 14 Jahren so. Angefangen hat alles an meiner damaligen Schule in Stuttgart-Uhlbach. Wir waren vier junge Kolleginnen dort und merkten: So geht es nicht. Wir fanden die Jahrgangsmischung toll und gelangten darüber zum individuellen Lernen.

Und mit Ihnen kam das Ganze dann nach Ohmden.. .

SEITZ: In Uhlbach geriet die Sache ins Stocken, als wir eine neue Schulleitung bekamen. Also sah ich mich nach einer kleinen Schule um, wo ich das Konzept umsetzen konnte.

Wie haben Sie Ihre Kolleginnen in Ohmden überzeugt?

SEITZ: Ich habe das neue pädagogische Konzept schleichend eingeführt und erst einmal bei meinem eigenen Lehrauftrag angefangen. Meine Kolleginnen habe ich nicht überfahren, sondern langsam mitgenommen. Anfangs konnten sie es sich gar nicht vorstellen, so zu unterrichten, aber jetzt sind sie auch überzeugt davon.

Ihr Konzept des individuellen Lernens erinnert an das Prinzip der Gemeinschaftsschulen. Gibt es da Parallelen?

SEITZ: Ja natürlich – aber wir waren früher dran mit der Individualisierung. Hintergrund ist, dass man nicht alle 20 Kinder einer Klasse über einen Kamm scheren kann. Das funktioniert nicht mehr und das will keiner mehr. Schließlich möchten Eltern selbstständige, leistungsbereite Kinder haben, die mit Spaß und ohne Angst lernen. Jedes Kind sollte sich als kompetent erfahren dürfen.

Sollte das nicht im Sinne aller Grundschulen sein?

SEITZ: Angstfreies Lernen ist schon seit 2004 im Bildungsplan verankert. Und auch das individuelle Lernen sollte schon längst umgesetzt sein.

Warum gibt es das dann nicht schon überall?

SEITZ: Man muss schon Mut haben, um etwas Neues umzusetzen. Auch ich habe etliche Rückschläge aushalten müssen. Dazu kommt, dass ich neben meinem Lehrauftrag mit 20 Stunden nur acht Stunden für meine Leitungsfunktion zugewiesen bekomme. Das reicht vorne und hinten nicht.

Und trotzdem haben Sie Ihre Vision in Ohmden verwirklicht.

SEITZ: Lehrerin und Schulleiterin sein ist mein Traumberuf. Ich möchte die Schule weiterentwickeln und vor allem möchte ich, dass es den Kindern gut geht – und den Lehrern auch. Man muss schon viel Herzblut reinstecken. Aber ich finde es schlimm, wenn Lehrer ihre Visionen verlieren.

Führt das Konzept in Ohmden denn auch zu entsprechenden Lernerfolgen bei den Schülern?

SEITZ: Wir alle – Lehrer wie Eltern – mussten erst einmal lernen, es auszuhalten, dass Kinder unterschiedlich ticken. Aber es funktioniert. Bei den VERA-Vergleichstests schneiden wir immer überdurchschnittlich gut ab. Das hat einerseits sicher mit der ländlichen Idylle in Ohmden zu tun, aber es ist auch eine Bestätigung, dass unser Konzept erfolgreich ist.

Wie schaffen Sie es, dass Kinder angstfrei lernen?

SEITZ: Bei uns gibt es zum Beispiel keine Klassenarbeiten im herkömmlichen Sinne. Weil wir die Kinder in unterschiedlichem Tempo lernen lassen, schreiben sie ihre Arbeiten auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten – eben dann, wenn sie so weit sind. Für uns sind die Arbeiten auch nicht vorrangig ein Leistungsnachweis, sondern vielmehr ein Mittel der Lernstandserhebung oder Diagnose.

Wie halten Sie es denn mit Noten?

SEITZ: Wir benoten während des Schuljahres nichts. Stattdessen bespreche ich mit den Kindern, was sie schon können und was sie noch üben müssen. Die Kinder verfügen über eine sehr gute Selbsteinschätzung. Die Eltern bekommen in regelmäßigen Entwicklungsgesprächen eine Rückmeldung. An die Vorgabe, ab Klasse zwei Endjahresnoten zu geben, müssen wir uns aber halten. Auf Wunsch der Eltern gab es auch eine benotete Halbjahresinfo.

Ein anderer Angstfaktor ist ja das Sitzenbleiben. . .

SEITZ: Sitzenbleiben ist bei uns kein Thema. Wenn ein Kind eine Klasse nicht schafft, dann hat es Lücken, die schon vorher entstanden sind. Wir lassen dank des individuellen Lernens im eigenen Tempo und mithilfe der Lernwege keine Lücken entstehen. Die Verweildauer in der Eingangsstufe beträgt ein bis drei Jahre – wobei drei Jahre eher selten vorkommen.

Wie geht es den Kindern denn in den weiterführenden Schulen?

SEITZ: Unsere Kinder kommen gut klar mit den weiterführenden Schulen. Sie sind gestärkt und wissen, was sie können. Wir haben auch wenig Probleme mit dem Wegfall der Grundschulempfehlung gehabt. Bei uns wird überwiegend so angemeldet, wie wir es empfehlen. Die Schulwahl ist ein langer, gemeinsamer Prozess.

Was haben eigentlich die Dorfbewohner zu Ihrem fortschrittlichen Konzept gesagt?

SEITZ: Da muss ich den Ohmdenern ein Kompliment machen. Sie haben es mitgetragen. Zwar haben die Eltern nachgefragt und waren kritisch – aber auch offen. Vieles haben wir ausdiskutiert. Die Mehrheit steht hinter dem Konzept.

Gabriele Seitz ist seit dem Jahr 2008 Leiterin der Ohmdener Grundschule. An der Landesakademie für Lehrerfortbildung in Bad Wildbad gab sie von 2006 bis 2011 Kurse zum Thema jahrgangsgemischtes Lernen. Auch für das Schulamt Nürtingen ist Gabriele Seitz im Bereich des individuellen Lernens jahrelang beratend tätig. Ganzjährig kommen regelmäßig andere Schulen nach Ohmden, um zu hospitieren. Neben Einblicken in den Lernalltag erhalten sie auch theoretische Grundlagen.



Teckbote vom Samstag, 07. Dezember 2013

"Erst ich ein Stück, dann du"
Leseförderprojekt nach dem Salzburger Modell
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